Malerei (Acryl auf Leinwand)

Kunst als Lebensform, Text von Judith Reichart

Judith Reichart ist Kunsthistorikerin und leitet den Kulturservice der Landeshauptstadt Bregenz.

Der Begriff „Kunst als Lebensform“, entliehen von Antonin Artaud, einem Pionier des avantgardistischen Theaters im 20. Jahrhundert, ist wohl am passendsten, um über Tone Finks künstlerische Formensprache nachzudenken. Es ist die gemeinsame Vision von der Form des Lebens als integralem Bestandteil jedes einzelnen Atemzuges – die Gestalt des künstlerischen Schaffens hin zu mehr als nur einem ästhetischen oder intellektuellen Konzept. Das ganzheitliche Denken, Kunst und Leben, Leben und Kunst, das alles durchdringt und transformiert. Eine Kunst, die zugleich Geist und Körper beansprucht und beides lückenlos verbindet. Es ist dieser intellektuelle Ansatz, diese lebendige und dynamische Kraft, die in allen Aspekten von Tone Finks künstlerischem Tun steckt.

In seinen Objekten, Skulpturen, Zeichnungen, Malereien, Texten, Filmen und Performances finden wir eine tiefe Auseinandersetzung mit der menschlichen Existenz. Eine Aufforderung zu partizipieren, sich am kreativen Prozess zu beteiligen, lebendig zu sein, sich Ausdruck zu verschaffen, zu einem Niederreißen und Durchbrechen von gesellschaftlichen Konventionen, dazu, sich selbst zu erforschen, Grenzen neu auszuloten und Perspektiven zu wechseln. Erkenntnis und Wahrheit. Tone Fink hat die besondere Gabe, Menschen zu inspirieren, sie aufzuwecken, sie zur Teilhabe zu bewegen.

Tone Fink erlaubt es uns, nein, er fordert uns auf, seine Objekte anzufassen, sich mit ihnen zu bewegen, sie zu spüren, zu begreifen, neue Bilder entstehen zu lassen, mit unseren Händen zu interagieren, seine Werke haptisch zu erkunden. Die Oberflächenstruktur bei seinen Objekten lässt eine taktile Erfahrung für den Betrachtenden zu und stellt eine ganzheitliche und immersive Verbindung zu seiner Kunst her.

Die Oberfläche in ihrer Art ist eine wesentliche Komponente – beim Berühren spricht sie unsere Sinne an, sie beherbergt ein Licht- und Schattenspiel und ermöglicht eine erweiterte ästhetische Erfahrung, die dem Kunstwerk seine eigene Komplexität verleiht. Die Oberfläche verweist auf die Analogie zwischen Tone Finks Kunst und der menschlichen Haut, mit einer Vielzahl an Texturen und Unebenheiten. Die Haut ist eine Metapher und gleichzeitig eine Handlungsanweisung zum Erforschen der eigenen Geografie des Lebens.

Die Haut

Metaphorisch betrachtet lässt die Beziehung zwischen Haut und Papier – als eine facettenreiche und vielschichtige Bedeutungsebene – in Tone Finks Arbeiten verschiedenste Interpretationen zu. Die Haut ist das äußere Gewebe des Körpers, das ihn schützt und umhüllt, aber auch seine Verletzlichkeit und Vergänglichkeit offenbart. Das Papier, als Oberfläche für Finks Ausdrucksformen, kann als eine Art „zweite Haut“ betrachtet werden.

Darüber hinaus kann die Beziehung zwischen Haut und Papier in Finks Werken auch auf die Idee der Transformation und des Wandels verweisen. Papier ist ein veränderliches Material, das durch Falten, Reißen, Zerknittern, Zerschneiden oder Kleben transformiert werden kann, um neue Formen und Ausdrucksmöglichkeiten zu schaffen. Diese transformative Qualität des Papiers spiegelt die ständige Veränderung und Entwicklung wider, die auch in der menschlichen Erfahrung eine zentrale Rolle spielt.

Das Papier und die Zeichnung

Durch die Verwendung von Papier als vielseitigem Medium schafft Tone Fink eine konzentrierte Auseinandersetzung mit Themen wie Identität, Vergänglichkeit und Transformation. Seine künstlerische Verarbeitung von Papier geht weit über das traditionelle Zeichnen und Malen hinaus, lässt dreidimensionale haptische Kunstwerke entstehen. Sie zeigt eine faszinierende Synthese von handwerklicher Geschicklichkeit, ästhetischer Sensibilität und konzeptueller Tiefe.

Durch seine experimentelle Herangehensweise und seine kreative Innovation hat er das Papier für sich zu einem integralen Bestandteil seines künstlerischen Universums gemacht – und damit einen bleibenden Beitrag zur zeitgenössischen Kunst geleistet. In Tone Finks künstlerischer Praxis ist die Zeichnung von zentraler Bedeutung. Seine Arbeitsweise als Zeichner ist geprägt von einem Balanceakt zwischen Abstraktion und Präzision. Oft dient die Zeichnung auch in Form von schnell angefertigten Skizzen als Ausgangspunkt für weitere künstlerische Explorationen zu seinem komplexen malerischen OEuvre.

Die Skizzenbücher

Seine überdimensionalen Skizzenbücher sind faszinierende Artefakte, die die Grenzen zwischen Zeichnung und Skulptur verschwimmen lassen. Diese einzigartigen Werke in ihrer monumentalisierten Form sind eine Hommage an das traditionelle Skizzenbuch. Sie sind über einen Meter breit und entsprechend proportional hoch, beinhalten eine Vielzahl an Themen und Motiven, von abstrakten Formen und Mustern bis zu figurativen Darstellungen. Präsentiert werden sie auf speziell dafür entworfenen Skizzenbuchhaltern, ähnlich übergroßen Notenständern oder Bücherauflagen. Konstruiert, damit in aufgeschlagener Position darin geblättert oder gelesen werden kann. Jede Seite ist ein singuläres Kunstwerk, individuell gestaltet, mit charakteristischer Materialität und Textur. Papier, Karton, Leinwand, Bleistift, Tinte, Aquarell und Collage, bunt, schwarz, weiß – ein Zusammenspiel von Zeichnung, Malerei, Skulptur und Installation.

Die Tierstudien

Tone Finks Tierzeichnungen und -studien sind faszinierende Ausdrücke seiner tiefen Ver- 116 117 bundenheit mit der Natur. In seinen Werken erscheinen die Tiere als symbolische Figuren, die ein Spektrum von Emotionen, Stimmungen und Assoziationen hervorrufen. Von majestätischen Raubtieren bis hin zu zartgliedrigen Vögeln oder exotischen Kreaturen deckt sein Repertoire eine breite Palette von Tierarten ab.

Jede seiner Zeichnungen ist das Ergebnis sorgfältiger Beobachtung und zeichnerischer Präzision, wobei jeder Strich und jede Nuance die Charakteristik und Ausdruckskraft des jeweiligen Tieres einfängt. Tone Fink bedient sich einer breiten Palette an Zeichenmaterialien und -techniken, darunter Bleistift, Tinte, Aquarell und Pastell, um unterschiedliche Effekte und Stimmungen zu erzeugen. Die sensible Form der künstlerischen Interpretation „seiner Tiere“ gleicht einer Einladung, über die Beziehung zwischen Mensch und Natur nachzudenken.

Die Masken und Flugobjekte

Rohlinge, aus Draht geformte Körper, überzogen mit einer weißen Haut aus Pappmaché, skulptural geformt, verwandeln sich durch die Hand von Tone Fink im Rahmen eines künstlerischen Prozesses zu Tieren, Fabelwesen und oft surreal wirkenden Kreaturen. Skulpturen und Objekte von Hybridität und Transformation, ein Vermischen und Vermengen. Faszinierende tragbare und überstülpbare Wesen aus einer anderen Welt, die sowohl ästhetisch ansprechend als auch konzeptuell tiefgründig sind.

Seine Tiermasken – jede davon ein Unikat – sind einerseits hochwertige künstlerische Objekte, gleichzeitig essenzielle Artefakte, welche im Rahmen der „Papierhautprozessionen“ von Tone Fink performativ verwendet und in Szene gesetzt werden. Bis dato hat der Künstler bereits über 80 unterschiedliche Masken erarbeitet. Die Tiermasken können auch als kulturelle Kunstobjekte, die eine reiche Geschichte und eine vielschichtige Bedeutungstragik in sich tragen, gesehen werden. Ihre Verwendung kann bis zu indigenen Kulturen, wo sie teilweise in rituellen und zeremoniellen Kontexten eingesetzt wurden, zurückgeführt werden. Tone Fink folgt hier einer langen etablierten Tradition des Primitivismus und setzt ihr eine zeitgenössische Interpretation hinzu. Er symbolisiert gleichzeitig auf performative, spielerische Weise die spirituelle Verbindung zwischen Mensch und Tier. Die Tiermasken repräsentieren eine grundlegende künstlerische Herangehensweise und Haltung im gesamten Werk von Tone Fink.

Das erotische Narrativ

Tone Fink ist ein Erzähler. Das narrative Element in seiner Kunst ist faszinierend und vielschichtig, es ist ein Schlüsselaspekt, der sein Werk mit Tiefe und Resonanz ausstattet. Dabei lanciert Tone Fink, nuanciert mit feiner Raffinesse, einen doppelten Erzählstrang unter das rein Visuelle und erzählt subtil und zugleich kraftvoll von sich, imaginiert, und gewährt uns einen Zugang zu seinem innersten Selbst. Er schlüpft in verschiedene Rollen und bewegt sich in unterschiedlichen Kontexten, erzählt uns von seinen Sehnsüchten und Wünschen, von seinen Ängsten und von seiner Freude, von seiner Liebe und seinem Hang zur Sexualität, von der Triebfeder des Lebens.

Der Künstler geht offen mit Sexualität um. Er beschreibt sie uns in energischen, lebendigen Posen, in einer Vielzahl von Möglichkeiten und Ausdrucksformen. Tone Fink versteht die Sexualität nicht als rein physischen Akt, sondern implementiert sie als eine universelle Energie, ohne die das Leben leer und sinnentladen wäre. Seine kontextuellen Zeichnungen sind sinnlich und erotisch, sie erkunden und feiern Identitäten. Sie zeigen Menschen – verschiedene Geschlechter, Orientierungen und Beziehungsformen. Tone Fink wirft traditionelle Normen und Vorstellungen von Sexualität über Bord. Er feiert die menschliche Existenz, die Vielfalt der sexuellen Erfahrungen und die transformative Kraft der lebensbejahenden Energie. Das erotische Narrativ in der Kunst von Tone Fink ist faszinierend, seine künstlerischen Darstellungen des Erotischen sind Erkundungen tiefer menschlicher Verbindungen, des Verlangens und der emotionalen Intimität.

Das filmische Schaffen

In erster Linie wird Tone Fink als Zeichner und Objektkünstler wahrgenommen. Nur zu selten steht sein vielschichtiges und experimentelles filmisches Schaffen seinem zeichnerischen, malerischen und skulpturalen Werk gegenüber. Durch das Integrieren von Alltagsgegenständen als Stilmittel in seine filmischen Arbeiten generiert er eine einzigartige haptische Qualität, die sie von herkömmlichen Animations- oder Realfilmen unterscheidet und dadurch die konzentrierte künstlerische Handschrift als Einheit und integrale Kraft seines OEuvres sichtbar macht und bestätigt.

Die Erzählstruktur in Tone Finks künstlerischen Filmen ist unverwechselbar und weicht deutlich von traditionellen narrativen Mustern ab. Seine Filme sind oft als poetische, visuelle Erkundungen konzipiert. Er entführt uns in seine surreale Welt, in der Logik und Linearität kaum Gewicht haben. Er legt Wert auf das Spiel mit Formen, Symbolen und menschlicher Figur, um Stimmungen, Themen und Konzepte zu erforschen.

Die Handlungen in Finks Filmen verlaufen selten linear. Er setzt auf eine fragmentierte Struktur. Dies spiegelt seine Affinität zur Collage wider und verleiht seinen Filmen eine traumhafte, assoziative Dimension. Das Spielerische und die Experimentierfreude, verbunden mit akribischer Aufmerksamkeit auf Stil und Formensprache, manifestieren Tone Finks unverkennbaren Stellenwert, der auf seiner ganzheitlichen Künstlerpersönlichkeit, dem Gesamtkunstwerk „Tone Fink“ beruht. Film, Skulptur, Zeichnung, Malerei und Performance bilden in seinem Schaffen eine Einheit und können nur in der Komplexität der Gesamtheit kommuniziert und erfahrbar produziert werden.

Solitäre Manifestation

Tone Finks künstlerisches Werk ist reiner kreativer Ausdruck seiner individuellen Vision. Es beschreibt einzigartige Manifestationen seiner innersten Gedanken, Emotionen und Erfahrungen. Tone Finks Kunst als solitäre Manifestation stellt seinen persönlichen Ausdruck dar, verknüpft mit tiefen Einblicken in das menschliche Bewusstsein. Umfassend und umfangreich mit unzähligen Themen, Motiven und der reichhaltigen Sprache seines künstlerischen Schaffens der letzten Jahrzehnte. Komplexität und persönliche Reflexion, transportiert mit dem Pinsel der Leichtigkeit, mit dem Strich der Sehnsucht und der Leidenschaft, mit der Kraft der Bewegung und der Tonalität der haptischen Erfahrung.

Das OEuvre von Tone Fink ist gewaltig und groß. Wir eröffnen in diesem Buch – entstanden in Anlehnung an die Sommerausstellung 2024 Tone Fink solo.tone des Kulturservice der Landeshauptstadt Bregenz im Palais Thurn und Taxis – erstmalig einen umfassenden Einblick in sein Werk, seine Themen, seinen Stil und seine Techniken. Es repräsentiert seine künstlerische Praxis frühester Arbeiten bis hin zu seinen neuesten Werken und zeigt deren intime Verbindung zu seinem Leben. Kunst und Leben fließen ineinander: Diese Koexistenz bestätigt die solitäre Manifestation, die sein Werk unverkennbar macht. Sein internationaler Stellenwert zeigt sich in zahlreichen Ausstellungen und Projekten sowie in der breiten Anerkennung seiner künstlerischen Beiträge in der zeitgenössischen Kunstszene, in welcher er für sein Spektrum an künstlerischen Ausdrucksformen, seine Experimentierfreudigkeit, seine spielerische Herangehensweise und seinen unverwechselbaren Stil bekannt und geschätzt ist. Seine künstlerischen Prozesse sind von Spontaneität und Improvisation geprägt. Geleitet von seiner Intuition ermutigt er sich selbst, Risiken einzugehen und neue Wege auszuprobieren. Diese experimentelle Herangehensweise ermöglicht es ihm, sein künstlerisches Schaffen immer wieder neu zu definieren und zu erweitern.

Tone Fink hat sich als einer der führenden zeitgenössischen Künstler seiner Generation etabliert. Er hat eine individuelle und unverwechselbare künstlerische Stimme – authentisch, komplex und eigenständig.