Objekte / Performance
Tone Finks Kunst – Gefährt mit Gefährten, Ingrid Bertel im Gespräch mit Thomas D. Trummer
IB Das Kunsthaus Bregenz hat 2004 Tone Finks 60. Geburtstag mit der Performance Carwalk gefeiert. Wie hast Du das damals erlebt?
TT Das war natürlich typisch Tone Fink: ein lebendiges Ereignis, kultisch, eine Prozession. Das Wichtigste an seinem Werk ist, dass die Objekte keine Objekte bleiben und die Bilder keine Bilder. Die Bilder verlassen den Rahmen, und die Dinge bekommen eine Funktion und werden in diese Prozessionen eingebunden. Da wird man gefangen, da feiert man mit. Das ist lebendig, das ist dionysisch.
IB Tone Fink sagt ja, ein Kunstwerk sei erst fertig, wenn es die Leute vollenden. Also nicht der Künstler selbst vollendet das Werk, sondern die Menschen, die es betrachten, begreifen, spüren, tun das. Ist Tone Fink damit allein oder ist das eine Tendenz in der künstlerischen Praxis heute?
TT Nun gut, die Idee, dass man den Betrachter oder die Betrachterin involviert, steckt eigentlich in jedem Kunstwerk. Aber man kann das natürlich durch einen Trick intensivieren. Ein Trick ist, es theatralisch zu machen oder zeitgebunden. Im Zeiterleben, also wenn etwas geschieht, wenn eine Geschichte erzählt wird, sind natürlich Menschen eher motiviert, sich fesseln zu lassen, gefangen zu sein, mitzutun wie im Theater. Aber bei Tone Fink ist es anders. Im Theater sitzt man auf seinem Platz und bewegt sich nicht, und am Ende klatscht man. Bei Tone Fink ist man dabei. Da zieht man mit, da feiert man mit, da wird skandiert, da gibt es auch Musik zu hören und dergleichen. Insofern ist man viel involvierter als bei einem gewöhnlichen Kunsterlebnis.
IB Es ist ja eine sehr körperbetonte Kunst. Ist das ein Nachhall des Wiener Aktionismus?
TT Ja, das kann man durchaus sagen. Wobei: Es gibt bei ihm auch Tendenzen, wo er darüber hinausgeht. Wichtig ist, glaube ich, das Weiß, das es auch im Wiener Aktionismus gibt. Eigentlich eine Farbe der Reinheit und auch des Feierns, vielleicht auch des antiken Feierns. Da geht er im Sprung hinaus, aber auch in die Geschichte wieder zurück. Der Wiener Aktionismus ist aggressiver gegenüber dem Körper. Er öffnet den Körper. Da gibt es Blut, Schleim, Gedärme. Das gibt es bei Tone Fink nicht. Dafür gibt es das Antikische, das Dionysische. Was ich besonders mag: Ich glaube, man kann sein Werk am besten beschreiben mit dem Wort Gefährt. Die Dinge, die da zu sehen sind, werden aufgereiht in Kolonnen oder in Zügen, in Festzügen. Das sind Schaukeln, Leiterwägen, Rollwägen, Autos, das sind tatsächlich Gefährte, Vehikel, etwas, was sich in einem Raum bewegt, wo man mitziehen kann. Aber das deutsche Wort Gefährte hat auch einen anderen Sinn, nämlich eine Beteiligung. Das sind die Begleiter, die Freunde, die einen auf einer Reise, bei einem Schicksal, in der Erfahrung des Lebens begleiten – so wie bei Odysseus und seinen Gefährten. Das besonders gibt es bei Tone Fink, nämlich auch die Erzählung, die Poesie und die Geschichte.
IB Sein Vater war Huf- und Wagenschmied, und dieses Erbe ist in seinen Objekten ja durchaus vorhanden. Aber die Objekte sind aus Papier, also sehr leicht.
TT Also man kann nicht auf der Straße mit ihnen fahren. Sie sind weiterhin Kunstobjekte. Sie stellen etwas anderes dar. Aber in der Prozession kann man sie durchaus benützen. Sie sind leicht und fragil. Ich erinnere mich an diesen Kunsthaus-Abend 2004 – da war auch eine Eleganz drin. Das waren runde und kubische Formen. Das hatte eine körperliche Präsenz, auch wenn die Objekte nur aus Papiermaché waren.
IB Es gibt ja durchaus den Akt des Verletzens – nicht am Körper, aber auf dem Papier. Und dann wird das gleichsam chirurgisch behandelt. Das ist ein zentraler Aspekt seiner Arbeit.
TT Ja natürlich, aber Grafik – also das griechische Wort graf-ein – heißt eigentlich ritzen. Die Schrift beginnt damit, dass Menschen in Ton oder einen anderen Untergrund etwas hineinritzen und ihn dadurch auch verletzen. Zeichnen ist auch Verletzen des Untergrunds. Da kann man natürlich die Idee entwickeln, dass die Zeichnung immer auch eine Verletzung ist, eine Einschreibung, aber natürlich auch die Verwundung einer Haut.
IB Haut- und Körperkünstler nennt Tone Fink sich, aber er kommt eigentlich von der Zeichnung her. Ist die Zeichnung in seinem Werk jetzt nur noch ein Hintergrundrauschen, überlagert von den Objekten und den Performances?
TT Ich würde das nicht bewerten. Ein Zeichen seiner Kunst ist, dass er so vielseitig ist. Da gibt’s die Filme, Skulpturen, Theatralisches, Zeichnungen. Das gehört alles dazu und steht alles nebeneinander und befruchtet einander. Die Zeichnungen sind sicher Möglichkeiten für Studien, aber gleichzeitig sind sie selbständige Werke. Es zeichnet ihn aus, dass er die Medien vollkommen gleichwertig behandelt und dass immer eine Vitalität da ist, eine spielerische und experimentelle Kraft. Das bewundern viele und auch ich.
IB Als Zeichner hat er einen sehr nervösen Strich. Es ist also kein geplantes, vorbedachtes Zeichnen, sondern ein relativ spontanes.
TT Ja sicher, aber ich sehe da eher das Skripturale. Da gibt es eine Bildidee, und die kommt auf das Blatt Papier. Das passiert spontan und eruptiv und muss irgendwie Platz greifen. Und dann kommt vielleicht das nächste Blatt. Aber genau das macht es aus. Da spürt man das Abarbeiten an Dingen. Da spürt man, dass der Körper sich direkt auf diesem Blatt niederschreibt und anwesend ist. Und dabei können für uns Betrachterinnen oder Betrachter diese Zeichnungen wieder zurückwirken. Wenn man das vor sich hat, dann spürt man die Energie, die da drin war, seien die Zeichnungen floral und etwas darstellend oder seien sie enthemmt.
IB Viele Zeichnungen haben einen stark erotischen Aspekt. Am Beginn seiner Laufbahn wurde Tone Fink daher von manchen als „richtiger Sauhund“ beschimpft. Es gibt ja vielleicht wirklich etwas Verstörendes in diesen Bildern.
TT Das kommt vielleicht aus der Tradition des Aktionismus. Der hat auch die erotische Dimension. Aber ich würde eher sagen, das ist bei Tone Fink die dionysische Seite. Das ist der Festzug, wo Menschen sich enthemmen lassen durch Alkohol und durch Gesang und natürlich auch durch Liebe und Libido. Das gehört dazu. Alles, was mit Sexualität und Erotik zu tun hat, eröffnet auch Einsichten in das Innere, in die Abgründe vielleicht, in die Begierden, in das Begehren, in die Triebe.
IB Ein weiteres starkes Motiv in Finks Werk sind Tiere. Die kommen als Zeichnung vor, als Objekt, in Performances. Welchen Anteil hat das Motiv Tiere für dich in seinem Werk?
TT Tiere sind besonders wichtig, sie werden momentan in der Gegenwartskunst immer wichtiger, weil wir uns fragen: Gehen wir mit den Tieren richtig um? Die Tierethik entwickelt sich erst ab den 1970er Jahren, durch Peter Singer zum Beispiel. Es ist hochinteressant, dass man sich während der ganzen Kultur- und Denkgeschichte der Menschheit nicht früher mit den Tieren beschäftigt hat. Tiere kommen in der Kunst oft vor, man denke an Dürer oder viele andere. Die Frage ist immer: Welches Verhältnis haben wir zu ihnen? Ein bildender Künstler fragt sich auch: Welchen Blick haben die Tiere? Die Tiere sind ja die, die zurückschauen, und wir wissen nicht genau, was sie meinen, wenn sie uns ansehen. Das ist auch ein Spiel von Tone Fink mit den Tieren.















































